ROMANE

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Sandra Marie Santayanas erster Roman "Frida - Beziehungskisten und andere Komplikationen" ist im März 2004 im Gardeur Verlag erschienen (ISBN 3-935852-18-5).

Das 166 Seiten umfassende Buch kann bei allen Online-Büchereien wie z. B. www.amazon.de bestellt werden und kostet ca. 10€. Außerdem läßt sich das Buch direkt über www.santayana.net anfordern - zur Bestellung einfach hier clicken.

 

 

 

 

 


Hintergründe

Zum Inhalt:

"Eigentlich könnte das Leben der Boutiquenbesitzerin Frida Eschenbach ganz und gar unbeschwert sein - wenn sie ihr Freund, der ewige Yuppie und Fotograf Rutger, nicht plötzlich auf ganz uncharmante Weise abserviert hätte. Oder wenn sich ihre verbohrte Mutter nicht ständig in Fridas Liebesleben einmischen würde. Wenn ihr ihre mißglückte Kindheit und ihre Vergangenheit in Frankreich nicht immer wieder in den Sinn käme und der mysteriöse Fremde ihr nicht so perfekt erschiene, wenn ihre Nichte Jeannie nicht lesbisch, ihr jüdischer Familienclan nicht unüberbietbar meschugge und ihre Verabredungen nicht allesamt so haarsträubend wären wie ihre neue Frisur... Manchmal wird das Verlangen danach, vor allem wegzulaufen und sich an einem einsamen Ort für den Rest ihres Daseins zu verstecken, einfach zu groß in ihr - doch soll sie tatsächlich ihr Leben lang vor ihren Problemen davonlaufen? Ob Frida sich ihrer Zerrissenheit und den Eskapaden ihres Alltags stellt, erfährt der Leser auf einer turbulenten Reise durch das Leben einer Frau in der verfrühten Midlife-Crisis, die diese vom Ausgangsort Schwandorf über München und Freiburg sogar bis nach Paris und die Bretagne führt."

 

Zur Geschichte:

Die Ursprünge des Romans "Frida - Beziehungskisten und andere Komplikationen" finden sich bereits im Jahr 1993, als für den Teenager Sandra Marie Santayana längst feststand, daß die Schriftstellerei ihre Berufung sei. Mit den Jahren veränderte sich zwar der Handlungsablauf, nahmen die Romanfiguren andere Charakterzüge an und "reiften" praktisch gemeinsam mit Santayana, doch sowohl die Schauplätze als auch der skurrile Name der Hauptdarstellerin - Frida - blieben die selben, und so beschloß Santayana, in der Endfassung ihres Buches, das sowohl als "Ich"-Erzählung als auch in Form von Episoden aus der Sicht einer dritten Person geschrieben ist, die Handlung in dem Jahr zu belassen, in dem sie geboren wurde: 1993. Autobiographische Züge, die man Santayanas Erstlingswerk immer wieder zuspricht, weist diese jedoch entschieden zurück, wenngleich sie allerdings bekennt, daß kein Autor darum herum kommt, eigene Erfahrungen in die Handlung seines Romans einfließen zu lassen. 


Rezensionen

"Sandra Marie Santayana beschreibt in ihrem Debüt-Roman eine verfrühte Midlife-Crisis der Extraklasse. Die in Ibiza, Spanien, lebende Malerin und Schriftstellerin jongliert trotz ihrer jungen Jahre - 23 an der Zahl - gekonnt mit Worten und bringt dem Leser mit spitzer Feder die ausgefallensten Persönlichkeiten näher. (...) Ein kurzweiliges Buch, das sich ideal dazu eignet, um den grauen Momenten des Alltags Farbe zu verleihen."

(Elmar Krekeler, DIE WELT)

 

"(...) Mit mancher Spitze zwischendrin geht's dem Spießbürgertum an den Kragen. Unterhaltung ist die Devise, die Sprache ist direkt, im Plauderton gehalten. (...) Offenbar keine Spur von Langeweile!"

(Michael Hitzek, MZ)

 

"(...) Fridas Suche nach dem Halt im Leben zeigt so manche menschliche Schwäche auf, die Sandra Marie Santayana in amüsanter Weise, aber auch mit dem notwendigen Ernst darstellt."

(Gardeur Verlag)

 


Leseprobe aus "Frida - Beziehungskisten und andere Katastrophen"


(...)
Das Rendez-vous und seine Folgen


6. März 1993

Der Knabe war hochgewachsen, trug einen akribisch korrekten Haarschnitt und einen dünnen Oberlippenbart, und er verströmte den Duft eines äußerst unmaskulinen Parfums. Auf seiner Nase prangte eine eckige Brille, die so rein gar nicht zu seinen sonst eher weichen Gesichtszügen passen wollte, und er selbst steckte in einem adretten, schwarzen Anzug mit dunkelroter Fliege, in dem er wie ein tolptschiger Pinguin wirkte. So stand er also im Türrahmen vor Fridas Wohnung und begrüßte sie verlegen mit einem: "Hallo,
Sie müssen Frau Eschenbach sein..." Und dann blieb sein Mund offen stehen, und er starrte Fridas schrille Erscheinung offenbar fassungslos an.
"Nenn mich Frida." entgegnete diese ihm lässig und verdrehte genervt die Augen, als sie nach Jesseys Pelzmantel angelte. So hatte sie sich Jacob Fürstenfeld vorgestellt – genau so! Das konnte ja heiter werden. Der Blitz sollte Sunny treffen! Sie hatte sich zwei Finger gebrochen? Wie schade? Hätte es nicht ein bißchen mehr sein können, so à la Hals- und Beinbruch? Frida holte tief Luft und wandte sich dem noch immer gaffenden Jacob erneut zu. "Und ich sag Jacob zu dir, wenn es dir recht ist."
Jacob nickte; zu mehr war er nicht fähig.
Er fuhr so vorsichtig, als chauffiere er ein rohes Ei, und obwohl Frida bei Gott kein Fan von schnellen Autofahrten war, fand sie es dennoch übertrieben, daß er auf der Autobahn nur 100km/h auf den Tacho brachte. Mußten die Leute denn wirklich von einem Extrem zum anderen verfallen? Immerhin legte sie nicht sehr viel Wert darauf, rechtzeitig zum Vorstellungsbeginn im Nationaltheater einzutreffen. Sie konnte sich also entspannt zurücklehnen und eine Zigarette rauchen. Eine Quasselstrippe schien Jacob nicht gerade zu sein; er brachte kaum ein Wort hervor, sondern stierte nur hochkonzentriert auf die Fahrbahn. Dabei gab es weder Regen, Schnee oder Glatteis. Was Sunny wohl derart an ihm fasziniert hatte? Für gewöhnlich hielt sie es doch eher mit redseligen Personen, die einem bereits in den ersten fünf Minuten ihre ganze Lebensgeschichte erzählten.
Hinter Pentling fragte Frida, ob sie eine Cassette in den Recorder einlegen dürfe, denn die Schlagermusik aus dem Radio fing an, ihr auf den Wecker zu gehen. Sie hatte vorsichtshalber eines ihrer schärfsten Tonbänder mitgebracht – Black Sabbath, Heavy Metal vom Feinsten. Rutger war ein großer Black Sabbath-Anhänger. Ach ja, Rutger...
Jacob zuckte zusehends zusammen, als die Band mit "TV Crimes" so richtig loslegten, und seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, bereute er es gründlich, Frida die musikalische Untermalung ihres Ausfluges anvertraut zu haben. Diese hingegen konnte ein Grinsen kaum unterdrücken, und es reizte sie nur allzusehr, den armen Jacob noch etwas mehr zu provozieren.
"Läßt du dich eigentlich öfters verkuppeln?" wollte sie deshalb von ihm wissen, und er erkundigte sich etwas verwirrt, wie sie das denn meine.
"Was glaubst du, warum meine Mutter uns bis nach München schickt? Sie verspricht sich davon, daß du dich in mich verguckst, weil du ihr als Schwiegersohn hervorragend in den Kram passen würdest. Und mir scheint, sie hat ein leichtes Opfer in dir gefunden... Sie hätte uns natürlich auch ins Regensburger Theater einladen können; das liegt wesentlich näher. Aber sie will natürlich, daß es spät wird und wir keine Lust mehr auf eine Rückfahrt haben... Und, daß wir uns ein Hotelzimmer nehmen und dort sofort zur Sache kommen. Meine Mutter würde alles dafür tun, um mich mit einem Steuerberater zu verheiraten."
Obwohl es finster war, war nicht zu übersehen, wie Jacob errötete. "Es ist nicht meine Art, mich sofort in ein Liebesabenteuer zu stürzen. Da mußt du dir wirklich keine Sorgen machen." Er klang verlegen.
"Ich weiß." murmelte Frida kaum hörbar. Vermutlich war genau das sein Problem. Jemand wie Rutger hätte die erste Nacht gewiß nicht ungenutzt verstreichen lassen, und es wäre auch gut so gewesen. Sie hätte nichts dagegen gehabt. Aber ein One-night-stand mit Jacob Fürstenfeld mußte ungefähr so prickelnd sein wie Cola nach zwei Stunden in sengender Hitze. Frida zündete sich eine zweite Zigarette an, obwohl ihr vom Rauchen immer noch schwindelig wurde, doch genau darauf legte sie es auch an. Das Drehen in ihrem Kopf machte den Jüngling neben ihr etwas erträglicher.
Bis München fielen nicht mehr viele Worte zwischen ihr und Jacob. Er war viel zu nervös für eine Unterhaltung, und Frida sah nicht ein, warum sie sich Mühe geben sollte. Der Abend war ohnehin schon gelaufen.


Sie kamen gerade noch rechtzeitig zum Vorstellungsbeginn im Nationaltheater an. Die meisten Leute saßen bereits auf ihren Plätzen; nur noch wenige tummelten sich in der Halle oder im Treppenhaus. Doch es reichte Frida für einen glänzenden Auftritt. Die Frau mit der auffälligen Frisur und dem ungewöhnlich geschnittenen Kleid, das unter ihrem weißen Nerz hervorspitzte, war schlichtweg ein Hingucker, und Frida stellte mit Genugtuung fest, wie alle sie anstarrten. Dennoch dämpfte Jacobs täppische Präsenz ihr Hochgefühl enorm, und als sie schließlich ihren Logenplatz erreicht hatte, war sie direkt froh. Sie würde diesen Mann gewordenen Alptraum zwar dennoch weiterhin neben ihr ertragen müssen, aber es war ja dunkel, und so blieb ihr sein Anblick wenigstens bis zur Pause erspart.
Dann ertönte der Gong. Die Vorstellung begann.
Tristan und Isolde! Während sich Frida mit dem Programm Luft zufächelte – es war unerträglich heiß im Saal – und das Spektakel auf der Bühne mehroder weniger verfolgte, wurde ihr erst die Ironie des Stücks bewußt. Immerhin sollten Tristan und Isolde am Schluß sterben. Wie konnte sie ihre Mutter bloß in eine derartige Tragödie schicken, wenn sie den Beginn einer Romanze zwischen ihr und Jacob heraufbeschwören wollte? Aber davon verstand Sunny eben nicht viel; das Theater war nicht ihre Welt. Sie meinte es nur gut, basta.
Ein seltsames Geräusch riß Frida aus ihren Überlegungen. Es kam von Jacob. Er war tatsächlich eingeschlafen und schnarchte vor sich hin! Frida konnte es nicht fassen. Sicher, so umwerfend war das Stück nun auch wieder nicht, aber dabei wegzupennen, grenzte fast schon an Frechheit! Dennoch mußte Frida kichern. Sunnys Geschmack war unüberbietbar. Einen größeren Schlaffi hätte sie gewiß in ganz Schwandorf und Umgebung nicht auftreiben können! Na gut, sollte Jacob nur vor sich hin sägen. Dann ließ er sie wenigstens in Ruhe, und sie konnte so tun, als gehöre er nicht zu ihr.
Selbst der Pausengong konnte Jacob nicht aufwecken. Als die Lichter im Saal angingen, hing er immer noch auf seinem Stuhl, die Arme vor der Brust verschränkt, und er umklammerte mit der linken Hand fest seine Eintrittskarte. Der selige Ausdruck eines zufriedenen, kleinen Jungen lag auf seinem Gesicht. Frida rührte das allerdings gar nicht. Bewaffnet mit ihrer Handtasche entschwand sie in Richtung Foyer, um sich ein Glas Mineralwasser zu kaufen und etwas auf und ab zu flanieren. Hier war schließlich "Sehen und gesehen werden" die Devise. Ein Theaterabend war stets eine hervorragende Gelegenheit, um seine neuesten Designerkleider zu zeigen oder wieder einmal den Schmuck auszuführen; um zu glänzen, zu glitzern und sich unheimlich toll und wichtig vorzukommen..
Frida nippte an ihrem Mineralwasser und glitzerte mit. So unheimlich toll fühlte sie sich allerdings gar nicht. Trotz all der Menschen um sie herum machte ihr dennoch die Einsamkeit zu schaffen. Sicher, die Aufmerksamkeit der Herren der Schöpfung war ihr gewiß, doch was bedeuteten schon ein paar Blicke? Es waren schließlich bloß Flirts mit längst vergebenen Männern. Ihre Situation kam ihr so hoffnungslos vor. Oben in der Loge schnarchte Jacob, und sie küßte hier die Wohlfahrt. Aber die Tarntüte aufwecken? Nein, so verlassen kam sie sich dann doch nicht vor.
Vor Frida drängte sich eine füllige Dame durch die Menschenmenge, und um nicht plattgewalzt zu werden, wich Frida geistesgegenwärtig zurück – um sofort wieder erschrocken einen Satz nach vorne zu tun. Plötzlich spürte sie nämlich, wie etwas kühles, prickelndes ihren Ausschnitt entlang lief, und eine männliche Stimme hinter ihr rief ein überraschtes "Hoppla!" aus. Frida fuhr wie vom Hafer gestochen herum – und erblickte einen wahren Hünen von Mann vor sich. Und zu ihrer Verblüffung kam er ihr noch dazu nur allzu bekannt vor.
"Verzeihung", entschuldigte sich dieser mittlerweile. "Ich war nicht darauf gefaßt, daß Sie..."
"Sie schon wieder?" fiel Frida ihm halb fassungslos, halb entsetzt ins Wort, und er hielt inne.
"Kennen wir uns?"
"Na klar! Sie sind doch der Mensch, der das Auto meiner Freundin als Abstellplatz mißbraucht hat! Erinnern Sie sich?"
Einen Moment lang starrte sie der Hüne an. Dann schüttelte er ungläubig den Kopf und mußte lachen. "Ich muß mit Blindheit geschlagen gewesen sein!" erwiderte er dann amüsiert. "Wie könnte ich Sie und Ihre drastische Freundin jemals vergessen!"
Auch Frida kicherte. "Sie sind eine wandelnde Katastrophe, hat Ihnen das schon mal jemand gesagt?"
"Nur allzu oft. Es tut mir wirklich leid. Ich hoffe, der Sekt klebt nicht allzusehr an Ihnen."
"Danke, ist ´ne nette Erfrischung. Mir war sowieso heiß." Seltsamerweise war es ihr auch diesmal unmöglich, mit ihm böse zu sein. Wie er wohl heißen mochte? Neugierig fragte sie ihn. "Schließlich will ich wissen, wer mich da mit Sekt tauft und Jessey dermaßen in Rage zu bringen vermag."
"Ich bin Sascha von Reuther. Und mit wem habe ich die Ehre?"
Oh, er war also ein Von! Nobel ging die Welt zugrunde! Sie nannte ihm ihren Namen und lächelte etwas verlegen, weil sie nicht wußte, was sie sonst tun sollte. Ihn etwa ausquetschen, so wie ihre Mutter? Alter, Familienstand, Kinder, Beruf, Haustiere... Doch Sascha nahm ihr die Entscheidung ab.
"Sind Sie allein hier?" erkundigte er sich nämlich.
"Ja... das heißt, nein. Nicht ganz allein." Es war Frida peinlich, von Jacob zu sprechen, doch sie konnte Saschas fragenden Blick ja wohl kaum eine Erklärung schuldig bleiben, und so bekam er in Windeseile die Jacob-Geschichte zu hören.
Auch er zeigte sich sehr belustigt, genauso wie Jeannie, Jessey und Alfred Landeville bereits vor ihm, und er hakte amüsiert und ungläubig zugleich nach: "Und der Knabe schläft tatsächlich immer noch oben in der Loge?"
Frida schnitt eine Grimasse und nickte. "Ein tolles Rendez-vous hat mir meine Mutter da eingebrockt. Und ich kann zusehen, wie ich den Abend überlebe, ohne selbst ins Koma zu fallen. Ein Essen mit Jacob steht mir ja auch noch bevor... Aber bis dahin erquickt er mich erst mal mit seinem Schnarchen!"
"Wenn es Sie recht stört", schlug Sascha ihr daraufhin vor, "dann kommen Sie doch mit mir. In meiner Loge ist noch ein Platz frei, und ich bin auch noch hellwach – es besteht also kein Grund zur Sorge, daß ihr Begleiter
mich zu einem Nickerchen inspirieren könnte."
"Wirklich?" Frida war sofort hellauf begeistert. "Das wäre phantastisch! Sie retten mich vor dem sicheren Nervenzusammenbruch!"
"Sehen Sie's als kleine Entschuldigung für mein Sekt-Mißgeschick."
Gemeinsam brachten sie ihre Gläser zur Theke zurück.
"Übrigens, wie geht es Ihrer Freundin? Hat sie meine Tölpelei einigermaßen verkraftet?" wollte Sascha dann wissen, als sie die Treppe zum ersten Rang erklommen.
Über Fridas Gesicht huschte ein Lächeln. "Keine Sorge, den vermeintlichen Kratzer hat sich Jessey bloß eingebildet. Das würde sie zwar nie zugeben, aber ansonsten hat sich ihr Gemüt wieder auf eine normale Temperatur abgekühlt."
"Beruhigend zu wissen."
"Sie führt sich gern etwas auf. Sexuelle Ersatzhandlung, würd´ ich sagen. Aber ansonsten ist sie ein lieber Kerl; Sie müßten sie nur unter anderen Umständen kennenlernen."
"Um ehrlich zu sein, hab´ ich mir an jenem Tag geschworen, nie mehr mit Frauen zu reden..."
Frida kicherte. Jesseys Mundwerk hatte einen Waffenschein verdient! Sascha hielt ihr die Türe zu seiner Loge auf, die genau gegenüber ihrer unrsprünglichen lag, und er rückte ihr den Stuhl zurecht.
"Sie haben ein wunderschönes Kleid an." meinte er daraufhin.
Das Licht im Saal erlosch.
"Überhaupt sind Sie sehr hübsch. Viel zu schade für jemanden, der in Ihrer Gegenwart einschläft."
Frida dankte dem Himmel, daß es finster um sie herum war und Sascha somit nicht mitbekommen konnte, wie rot sie wurde. Doch es waren nicht nur ihre Wangen, die brannten; mit einem Male fiel ihr auf, daß alles in ihr glühte – so sehr, wie es seit Jahren schon nicht mehr geschehen war. Als sie das letzte Mal so empfunden hatte, war eine von Rutgers Graffiti-Aktionen daran schuld gewesen. Sie erinnerte sich noch haargenau an den Tag, an dem er auf eine riesige Reklamewand "I love you, Frida – heirate mich!" gesprayt hatte (mit dem Heiraten war es ihm allerdings nicht so ernst gewesen; er hatte immer gern Sprüche geklopft). Mein Gott, was war sie damals verliebt in ihn gewesen! Verliebt und im Alkoholdelirium. Doch Rutger hatte sie damals schon etwas länger gekannt. Sascha war erst vor ein paar Minuten in ihr Leben getreten, wenn er auch bereits ein "Wiederholungstäter" war.
Nein, versuchte sie sich schleunigst selbst zu beruhigen, so schnell verliebt man sich nicht. Das geht einfach nicht; sowas gibt es nur in Rosamunde-Pilcher-Romanen. Frida, du bist ihm bloß dankbar, weil er so nett und aufmerksam ist, und du legst jedes seiner Worte auf die goldene Waagschale, weil du dermaßen enttäuscht von diesem Abend bist! Daß das Kleid ein Traum ist, hätte dir jeder andere auch gesagt, und daß du gut aussiehst ebenfalls. Das behaupten sie doch alle; das bekommt sogar Henriette in regelmäßigen Abständen zu hören, und die hat eher Ähnlichkeit mit einem wandelnden Besen! Seine Komplimente haben gar nichts zu bedeuten. Frida, komm runter von Wolke sieben! Wahrscheinlich verträgst du keine Zigaretten mehr. Aber du bist, verdammt nochmal, nicht verliebt!
Frida atmete tief durch und wiederholte innerlich unablässig diesen Satz. "Du bist nicht verliebt, du bist nicht..." Und immer wieder schielte sie zu Sascha hinüber, dessen Silhouette sie im Dämmerlicht erkennen konnte. Mr Universum war er bestimmt nicht, nein. Aber auch nicht unattraktiv. Er war gut gekleidet und hatte dunkles, leicht gewelltes Haar, das gut zu seinem olivfarbenen Hautton paßte. Ob er wohl einer dieser Menschen mit Solarium-Dauerkarte war? Er mußte Anfang 40 sein, und gewiß war er auch nicht unbetucht. Was er von Beruf sein mochte? Hatte er war in der Modebranche zu tun? Immerhin waren sie sich ja auf dem Messegelände der "Modewoche" zum ersten Mal begegnet... Und ob er wohl solo war? Oder hatte er irgendwo eine Freundin oder gar eine Ehefrau, die auf ihn wartete?
Das geht dich gar nichts an, Frida! Fridas innere Stimme wurde langsam ungehalten. Konzentrier dich lieber auf das Stück; du kommst selten genug ins Theater! Aber es war so unglaublich schwer, folgsam zu sein. Nervös begann Frida erneut mit dem Programm zu fächeln.
"Ist Ihnen auch so unerträglich heiß?" raunte ihr da Sascha plötzlich zu.
"Ich zerfließe fast." flüsterte sie heiser zurück.
"Gehen wir?"
"Wie bitte?"
"Ja. Ich habe schon bessere Aufführungen dieses Stücks gesehen, glauben Sie mir. Und ich kenne da ganz in der Nähe ein nettes, kleines Café mit guter Musik und einem phantastischen Apfelstrudel. Was ist, haben Sie Lust mitzukommen? Ich lade Sie ein!"
"Aber..." setzte Frida verblüfft an, gefolgt von einem gezischten "Pst!", das von irgendwoher ertönte. Doch ehe sie sich versah, befand sie sich auch schon draußen auf dem Gang, Arm in Arm mit Sascha und kichernd wie ein junges Mädchen, das mit seinem ersten Freund die Schule schwänzt.
"Was wird Jacob denken, wenn ich einfach so verschwunden bin?"
"Ach, vergessen Sie den. Ein Mann, der sich einer Dame gegenüber derart benimmt, ist es nicht wert, daß man sich Gedanken über ihn macht." Sascha half ihr in den Mantel und bot ihr wieder seinen Arm an, als sie das Nationaltheater verließen. Draußen schneite es leicht
"Eine Nacht wie im Bilderbuche." meinte er, und Frida seufzte zufrieden.
"Ja... jetzt schon!"

Es war ein etwas schummriges, aber romantisches Café, in welches Sascha sie führte; "Yazoo" stand in blauen Leuchtbuchstaben über dem Eingang.
Er schien zu den regelmäßig kommenden Besuchern zu gehören, denn viele der Gäste und auch die Kellnerinnen und der Barkeeper begrüßten Sascha lächelnd oder mit einem Winken, einem scherzenden Zuruf. Doch auch Frida erntete abermals ein gewisses Aufsehen.
"Ich bin gerne hier." erklärte Sascha ihr, während er sie zu einem Tisch in einer gemütlichen Nische führte. "Ich mag die Musik, die sie hier spielen, und man trifft immer ein paar nette Leute. Und dann ist da natürlich noch der Apfelstrudel..." Er lachte warm und offenherzig. "Wenn's auch der Figur schadet!"
Frida wußte nicht, was sie antworten sollte, denn sie fühlte sich etwas befangen, und so schmunzelte sie auch.
Eine kleine Band spielte in einer Ecke des Cafés gerade "Son of a preacherman", ein alter Hit von Dusty Springfield, und einige Pärchen tanzten, doch die meisten Gäste saßen an der Bar oder an den Tischen und plauderten, gehüllt in Rauchschwaden und Heiterkeit. Es war nicht gerade ruhig, aber als lärmend konnte man das Stimmengewirr auch nicht bezeichnen. Frida wollte keine passende Beschreibung dazu einfallen; es war einfach alles anders. Eine andere Welt. Kein Rutger. Rutger – wer?
Sascha bestellte den berühmten Apfelstrudel und schlug vor, ein Glas Rotwein dazu zu trinken, aber wie gewöhnlich lehnte diese kategorisch ab.
"Danke, ich trinke grundsätzlich niemals Alkohol. Eine Tasse Mandelmilch wäre nicht schlecht, wenn es soetwas hier gibt."
Also brachte die Kellnerin zweimal Mandelmilch.
"Sie sind eine bemerkenswerte Ausnahme." fand Sascha. "Ich kenne niemanden, der 'niemals' Alkohol trinkt."
"Ja, ich weiß, und ich verurteile natürlich auch niemanden, der sich hin und wieder ein Gläschen genehmigt. Aber ich habe mir vor langer Zeit geschworen, für immer abstinent zu bleiben, denn wenn man schlechte Erfahrungen gemacht hat..." Abrupt brach Frida ab und schaute Sascha an. Doch er fragte nicht, welche Erfahrungen das denn gewesen seien, so wie sie es eigentlich erwartet hatte. Er sah sie nur aus seinen ausdrucksvollen Augen an, und ihr lief es heiß und kalt den Rücken hinunter.
"Sie werden vielleicht lachen", ergriff er letztendlich nach einer langen Schweigepause das Wort, "aber ich habe seit unserer ersten Begegnung des öfteren an Sie gedacht. Und auch an Ihre schrille Freundin. Wie war doch ihr Name?"
"Jessey. Jessica MacAleese."
"Ich hatte direkt ein schlechtes Gewissen, weil wir uns wegen meiner Gedankenlosigkeit derart in die Wolle bekommen haben. Manchmal stehe ich einfach neben mir. Ich habe mir auch überlegt, ob ich Ihrer Freundin nicht etwas zur Entschädigung schicken sollte, aber ich kannte ja ihren Namen nicht."
"Sie hätten's ja mal mit 'Madame Pompadour' versuchen können...!"
"Ach ja, hab´ ich sie so bezeichnet? Na, wenn meine 'Bitte-tausendmal-um-Verzeihung'-Karte so angekommen wäre, hätte mich das natürlich gefreut. Dann wären wir beide uns vielleicht schon viel früher wieder über den Weg gelaufen."
"Hätte Sie das denn gereizt?"
"Warum nicht? Sie sind eine hübsche und interessante Frau – welcher Mann würde sich da nicht angezogen fühlen?"
"Das heißt, Ihnen sitzt keine Ehefrau im Nacken?"
"Eher der Scheidungsrichter. Das heißt, die Scheidung ist seit Februar rechtskräftig." Saschas Lächeln war einer etwas geknickten Miene gewichen.
"Und das war wohl nicht Ihr Wunsch?"
"Nicht unbedingt. Meine Ex-Frau wollte mehr Freiheiten, und anscheinend hat sie die nun auch. Jetzt zieht sie nämlich mit so einem unreifen Provinz-Macho herum. Nun ja... wir hatten uns eben auseinandergelebt."
Frida mußte an Rutger denken. Teilnahmsvoll entgegnete sie: "Dann sind wir also mit dem selben Schicksal geschlagen. Versucht Ihre Mutter auch, Sie zu verkuppeln?"
"Meine Mutter? Nein, die hält sich da Gott-sei-Dank heraus, und meine Eltern wohnen ja auch nicht gerade um die Ecke."
Frida nahm ein Stück von ihrem Apfelstrudel – Sascha hatte nicht zuviel versprochen, er war wirklich köstlich – und meinte: "Das sagt gar nichts. Meine Mutter lebt schließlich auch in Freiburg, was sie aber nicht davon abhält in den Zug zu steigen und mir das Leben schwer zu machen."
"Gut, aber Meran liegt doch etwas weiter entfernt, und meiner Mutter wird in Zügen grundsätzlich schlecht."
"Heißt das, daß Sie Österreicher sind?"
"Mehr so eine Art Italiener. Meran liegt nämlich in Südtirol, und das haben ja die Italiener im ersten Weltkrieg kassiert."
"Oh." Frida errötete beschämt über ihre Unwissenheit. Geographie war nie ihre Stärke gewesen. Um das zu überspielen, fragte sie hastig: "Und war bedeutet 'so eine Art Italiener'?"
Saschas Lächeln kehrte zurück. "Das ist eine etwas verdrehte Geschichte. Mein Groß´vater kam aus Hamburg, aber er hat bei einer Reise sein Herz an eine Südtirolerin verloren und sie geheiratet. Mein Vater ist also Halbitaliener. Der Großvater hat sich allerdings scheiden lassen, als mein Vater 17 war, und ist aus Südtirol weggegangen, zurück nach Hamburg, wo er nochmals geheiratet und einen weiteren Sohn bekommen hat. Deshalb habe ich einen Onkel, der altersmäßig eher mein Bruder sein könnte.Und da mein Vater, wie bereits erwähnt, Halbitaliener ist und meine Mutter ursprünglich aus Niedersachsen kommt, fühl ich mich eigentlich eher wie ein Deutscher als wie ein Südtiroler. Ich spreche auch keinen Dialekt." Er schnitt eine lustige Grimasse. "Obwohl mir das ein paar von meinen patriotischen Freunden recht übel nehmen."
Das kannte Frida nur zu gut, und innerlich grinsend entsann sie sich ihrer alten Schulklasse in Freiburg. Der Schwarzwald ließ grüßen! Man sprach badensisch. Für Frida war das stets eine Fremdsprache ohne Gleichen geblieben, da sie von klein auf in ihrer Familie immer nur Hochdeutsch zu hören bekommen hatte. Und nun saß also ein viertelter Südtiroler vor ihr. "Wenn Sie Südtiroler sind", sinnierte sie, "oder Italiener, wie auch immer... Was treiben Sie dann hier in Deutschland? Ich stell mir vor, daß es in Meran tausendmal schöner und wärmer ist."
"Na ja, es hält sich in Grenzen. Ich bin hier hängengeblieben. Ich hab´ ein bißchen Geschichte studiert, etwas Architektur und ein Semester Betriebswirtschaftslehre... Und als mir auffiel, daß mir das alles nicht liegt, bin ich

eben zu dem übergegangen, was ich schon von zu Hause her gekannt habe: Ich hab´ zusammen mit einem Freund ein Maklerbüro eröffnet; einfach nur, um zu sehen, ob wir das packen. Mein Vater ist nämlich auch Makler. Und irgendwie hat es funktioniert. Tja, und deshalb bin ich immer noch hier." Und im Scherz fügte Sascha hinzu: "Wenn Sie an der Immobilie interessiert sind... einfach Rauscher & Reuther fragen."
Die Mandelmilch neigte sich ihrem Ende zu, und man bestellte zwei weitere Tassen.
"Makler sind Sie also..." überlegte Frida laut. "Keine üble Karriere. Bringt sicher eine Menge Geld."
"Ich kann davon leben. Und was machen Sie beruflich, Frida?"
Ihr Name schien einen besonderen Klang aus seinem Mund zu haben. Es war einer der seltenen Momente, in der Frida ihr Name gefiel. Sie erzählte ihm also von ihrer Boutique "Everything changes" und ihrer großen Leidenschaft für's Modedesign.
"Und ansonsten?" fragte sie Sascha daraufhin. "Jetzt kennen Sie fast meine ganze Familienchronik – nun sind Sie dran."
"Was interessiert Sie denn?"
"Alles, was Sie mir erzählen."
"Also... Familienchronik in Stichworten. Frida Johanna Eschenbach, geboren in Karlsruhe, eine nervige Mutter, zwei Brüder und ein bretonischer Vater. Aufgewachsen in Karlsruhe und Freiburg, Ausbildung zur Modedesignerin in Paris, eine gescheiterte Ehe und diverse Beziehungen, die in die Binsen gegangen sind."
"Das klingt interessant."
"Wenn man nicht mitten drin steckt, sicher. Ich denke eigentlich nicht gerne zurück." bekannte Frida leise und senkte ihren Blick. "Mir ist so viel Mist passiert... Und deshalb habe ich mir auch geschworen, nie mehr Alkohol zu trinken. Ich... ich war nämlich..."

Fortsetzung im Buch

 

(nach oben)

Sandra Marie Santayana während einer Vorlesung aus ihrem Erstlingswerk

 

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